Die Konjunktur hinkt, die Sorgen wachsen – und trotzdem suchen Betriebe händeringend nach qualifizierten Händen und Köpfen. Das WKO-Fachkräfteradar 2026 zeigt: Der Mangel hat sich gegenüber dem Höchststand 2022 zwar entspannt, betrifft aber nach wie vor auch viele steirische Unternehmen. Warum das so ist und weshalb sich auch Eltern bei der Berufswahl ihrer Kinder damit beschäftigen sollten.
Wer zurzeit mit steirischen Unternehmerinnen und Unternehmern spricht, ob im Mur- und Mürztal, in der Südsteiermark oder in der Landeshauptstadt Graz, hört fast überall dieselbe Geschichte: Die Auftragsbücher sind zwar längst nicht mehr so prall gefüllt wie noch vor zwei Jahren, doch die Erleichterung bleibt aus. Der Grund dafür liegt tief in den Betrieben selbst. Es fehlt nicht an Ideen, sondern an den Menschen, die sie umsetzen.
Das WKO-Fachkräfteradar 2026, erstellt vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), untermauert diese Erfahrungen mit Zahlen. Hochgerechnet waren im April 2026 rund 155.000 Fachkräftestellen in den WKO-Mitgliedsbetrieben mit Beschäftigten offen. Zwar ist das spürbar weniger als am Rekordstand von 2022, doch von einer Entwarnung kann keine Rede sein: Rund 78 Prozent der befragten Unternehmen waren zumindest in geringem Ausmaß vom Fachkräftemangel betroffen. Rund 56 Prozent bezeichneten ihn als sehr oder eher stark. www.wko.at
Ein Paradoxon auf steirisch: Flaute im Geschäft, Überlastung im Betrieb
Auch die Steiermark bekommt diesen Widerspruch zu spüren. In der Bundesländerauswertung melden 55,3 Prozent einen sehr oder eher starken Fachkräftemangel.
Der Blick nach vorne bringt wenig Beruhigung: Österreichweit erwarten 61 Prozent der befragten Betriebe, dass sich der Fachkräftemangel in ihrer Branche in den kommenden drei Jahren verschärft. Gleichzeitig rechnet nicht einmal ein Drittel mit einer besseren Konjunktur beziehungsweise Auftragslage.
Ein Grund dafür: Die Babyboomer-Generation verabschiedet sich schrittweise in den Ruhestand. 47 Prozent der befragten Unternehmen rechnen in den kommenden drei Jahren mit einer steigenden Zahl an Pensionierungen. Damit stellt sich die Frage, wer das Wissen und die Aufgaben der ausscheidenden Beschäftigten übernimmt. www.wko.at
Die österreichweite Befragung zeigt Schwierigkeiten unter anderem in folgenden Bereichen:
- Elektrotechnik und Elektronik: Hier gehören Fachkräfte zu den besonders schwer zu findenden Berufsgruppen. Gerade für die Energiewende braucht es Menschen, die Anlagen installieren, anschließen und warten.
- Handwerk und Metalltechnik: Metalltechnik zählt ebenfalls zu den häufig genannten Engpässen. Im Bau- und Baunebengewerbe berichten rund 65 Prozent von sehr oder eher starkem Fachkräftemangel.
- Gastronomie und Hotellerie: Köchinnen und Köche samt Küchenpersonal gehören zu den am häufigsten genannten Berufen mit Rekrutierungsproblemen. www.wko.at
Diese Ergebnisse gelten für Österreich insgesamt. Eine Rangliste der am stärksten betroffenen Berufe speziell für die Steiermark lässt sich daraus nicht ableiten.
Wer zahlt den Preis? Mehrarbeit und verpasste Chancen
Hinter den nüchternen Prozentzahlen verbergen sich Alltagssorgen. Wenn Stellen unbesetzt bleiben, landet zusätzliche Arbeit bei jenen, die noch da sind.
82 Prozent der vom Fachkräftemangel betroffenen Betriebe berichten von einer Zusatzbelastung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Fast ebenso häufig, mit 80 Prozent, betrifft die höhere Arbeitsintensität die Unternehmer:innen und ihre Familienangehörigen.
Die Konsequenzen reichen über den Arbeitsalltag hinaus:
- Umsatzeinbußen: Rund 56 Prozent der betroffenen Betriebe berichten von Umsatzverlusten, etwa durch abgelehnte oder stornierte Aufträge oder ein eingeschränktes Angebot.
- Innovationsbremse: Wenn die Hütte brennt, bleibt wenig Zeit für Neues. Rund 48 Prozent sehen ihre Möglichkeiten zur Innovation beziehungsweise Entwicklung neuer Produkte eingeschränkt.
- Existenzsorgen: Für 28 Prozent der betroffenen Unternehmen bedroht der Fachkräftemangel bereits die Existenz oder Fortführung des Betriebs.
Die Lehre als Schlüssel – aber wie begeistern wir die Jugend?
Schaut man sich an, wo die Not am größten ist, wird klar: Der lauteste Hilferuf kommt nicht aus den Hörsälen, sondern aus den Werkstätten und Fachschulen. 62 Prozent der Betriebe suchen händeringend nach Absolventinnen und Absolventen einer Lehre.
Das Potenzial wäre da: Fast die Hälfte der Ausbildungsbetriebe würde sofort mehr Lehrlinge aufnehmen, wenn sie geeignete und interessierte Jugendliche finden könnte. Was es dafür braucht? Die Betriebe fordern eine spürbare Entlastung bei den Lohnnebenkosten für Ausbildungsplätze und vor allem eine Echtzeit-Berufsorientierung an den Schulen, die die Lehre nicht als Ausweichlösung, sondern als das zeigt, was sie ist: ein solides, zukunftssicheres Fundament mit hervorragenden Chancen.
Begeisterung braucht Einblicke
Die Betriebe suchen Nachwuchs. Jugendliche und ihre Eltern suchen einen Weg, der passt. Darüber wird in Familien gesprochen – manchmal ruhig, manchmal kontrovers und oft mit der Sorge, die richtige Entscheidung zu treffen. Damit die Lehre dabei eine echte Option ist, braucht es Einblicke: in Betriebe, in den Arbeitsalltag und in die Möglichkeiten nach dem Abschluss. Auch in den Oberstufen sollte dieser Weg Thema sein. Wer vor der Matura steht, sollte eine Lehre ebenso kennenlernen können wie ein Studium.
Und was ist mit Künstlicher Intelligenz?
Spannend ist auch der Blick auf KI: 52,3 Prozent der befragten Unternehmen beobachten im Bereich Büro und Verwaltung einen geringeren Personalbedarf durch ihren Einsatz. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die verbleibenden Beschäftigten weniger belastet sind. Auch in der Produktion berichten Unternehmen von Veränderungen des Personalbedarfs durch KI.
Doch bei allen Verheißungen der Technik gilt: Die beste KI kann weder einen Stromkreis schließen noch den Kochlöffel schwingen oder eine Solarzelle aufs Dach montieren. Wer ein Handwerk gelernt hat, besitzt einen Trumpf, den kein Prompt der Welt ersetzen kann. Genau deshalb braucht die Lehre heute die Bühne, die ihr zusteht.
Was jetzt passieren muss
Der Bericht macht eines unmissverständlich klar: Die Lösung des Fachkräfteproblems ist keine Frage von Konjunkturprogrammen allein. Es braucht eine Wertschätzungskampagne für die Lehre, einen Abbau von bürokratischen Hürden bei der Einstellung ausländischer Fachkräfte und eine echte Entlastung für jene Betriebe, die selbst ausbilden.
Für die Steiermark geht es dabei um viel: Um die Lebendigkeit unserer Regionen, den Erfolg unserer Traditionsbetriebe und die Chance, den Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft aus eigener Kraft zu meistern.
Häufige Fragen zum Fachkräfteradar 2026
Wie hoch war der Fachkräftebedarf in Österreich?
Für April 2026 errechnet die Studie rund 155.000 offene Fachkräftestellen in den WKO-Mitgliedsbetrieben mit mindestens einer beschäftigten Person. Es handelt sich um eine Hochrechnung zum Befragungszeitpunkt, nicht um eine laufende Stellenzählung.
Wie stark ist die Steiermark betroffen?
In der Steiermark-Auswertung geben 55,3 Prozent einen sehr oder eher starken Fachkräftemangel an: 25,8 Prozent „sehr stark“ und 29,5 Prozent „eher stark“. Unternehmen konnten mehreren Bundesländern zugeordnet werden.
Was sagt die Studie über Menschen mit Lehrabschluss?
62,2 Prozent der befragten Unternehmen mit Fachkräftemangel haben häufig Schwierigkeiten, geeignete Mitarbeiter:innen mit Lehrabschluss zu finden. Dieser Wert bezeichnet den Anteil der Unternehmen mit solchen Suchproblemen – nicht den Anteil der offenen Stellen. www.wko.at
Quelle: Helmut Dornmayr und Marlis Riepl: Unternehmensbefragung zum Fachkräftebedarf/-mangel – Fachkräfteradar 2026, ibw-Forschungsbericht Nr. 228, im Auftrag der Wirtschaftskammer Österreich. Onlinebefragung im April 2026 mit 2.132 verwertbaren Unternehmensantworten.
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