Geschicklichkeit – und Philosoph? Was alles in einem Kind stecken kann

Schüler Raphael steht im Talentcenter zwischen Vertreterinnen und Vertretern von WKO, Arbeiterkammer, AMS und Universität Graz, die die Initiative „Talent Talks“ präsentieren.

Der Talentcheck im Talentcenter der WKO Steiermark zeigt Jugendlichen, welche Interessen und Fähigkeiten in ihnen stecken. Der persönliche Talentreport enthält auch passende Berufs- und Ausbildungswege. Wirklich hilfreich wird er aber erst, wenn Schule, Beratung und Eltern die Ergebnisse gemeinsam mit den Jugendlichen weiterdenken.

Geschicklichkeit und Philosophie – auf den ersten Blick liegen da Welten dazwischen. Bei Raphael kamen beide Bereiche im Talentcheck zusammen.

„Ich habe die Mischung aus Computer- und praktischen Arbeiten sehr interessant gefunden“, erzählt der Schüler. Dabei entdeckte er nicht nur seine Geschicklichkeit neu. Unter den Möglichkeiten, die sich aus seinen Ergebnissen ergaben, fand sich auch der Philosoph.

Gerade diese Bandbreite überraschte ihn. Und sie zeigt, worum es beim Talentcheck geht: Jugendliche sollen nicht möglichst schnell in eine berufliche Schublade gesteckt werden. Sie sollen erkennen, wie unterschiedlich ihre Fähigkeiten sein können – und welche Wege sich daraus möglicherweise entwickeln.

Ein Talentreport sagt daher nicht: Das musst du werden. Er sagt vielmehr: Schau genauer hin, auch dort könnte etwas in dir stecken.

Ein Bericht, kein Berufsurteil

Jugendliche der siebenten und achten Schulstufe absolvieren im Talentcenter 48 Teststationen. Dabei geht es um Interessen, kognitive Fähigkeiten, Motorik, Aufnahmefähigkeit sowie allgemeine und berufsrelevante Fertigkeiten.

Am nächsten Tag steht der persönliche Talentreport online zur Verfügung. Er enthält die einzelnen Ergebnisse und dazu passende Berufs- und Ausbildungswege – von der Lehre über weiterführende Schulen bis zum Studium.

Wichtig für Eltern: Der Report legt ein Kind nicht auf einen bestimmten Beruf fest. Seine Vorschläge sind Möglichkeiten, keine fertigen Entscheidungen. Auch ein unerwartetes Ergebnis bedeutet nicht automatisch, dass der bisherige Berufswunsch falsch war. Es lädt vielmehr dazu ein, genauer hinzusehen.

Sabine Sattler-Tremesberger, Leiterin des Talentcenters der WKO Steiermark, beim Pressegespräch zu den „Talent Talks“.

„Das Talentcenter entwickelt sich laufend weiter – sowohl bei der Testung an sich als auch bei den Angeboten, die wir haben.“

Sabine Sattler-Tremesberger, Leiterin des Talentcenters der WKO Steiermark

Seit zehn Jahren kommen Jugendliche aus allen Regionen der Steiermark ins Talentcenter. Mittlerweile begleitet die Einrichtung mit unterschiedlichen Angeboten junge Menschen von 13 Jahren bis zur Matura.

Für Sattler-Tremesberger endet Berufsorientierung jedoch nicht mit dem fertigen Talentreport. Besonders wichtig ist ihr die Zusammenarbeit mit den Schulen. Werden Jugendliche auf den Besuch vorbereitet und ihre Ergebnisse anschließend gemeinsam besprochen, können sie wesentlich mehr damit anfangen.

Der zweite Blick macht den Unterschied

Das zeigt auch eine Befragung unter 2.687 ehemaligen Teilnehmerinnen und Teilnehmern: 35 Prozent der Jugendlichen, deren Talentreport in der Schule nachbereitet wurde, gaben an, dadurch ganz neue Stärken entdeckt zu haben. Ohne Nachbereitung waren es 24,2 Prozent.

Auch die eigene Einschätzung wurde klarer: Mit schulischer Nachbereitung sagten 74,6 Prozent, ihre Stärken und Talente gut zu kennen. Ohne Nachbereitung waren es 66,5 Prozent.

Eine Lehrerin, die seit Jahren mit ihren Klassen ins Talentcenter kommt, kennt das Problem aus der Praxis. Viele Jugendliche schauen im Report zuerst auf jene Bereiche, in denen sie vermeintlich schlecht abgeschnitten haben. Deshalb bespricht sie die Ergebnisse in Gruppen, arbeitet mit vorbereiteten Arbeitsblättern und führt bei Bedarf Einzelgespräche.

Ihr Fazit: „Wenn man das nicht nachbereitet, lässt man zu viel Potenzial liegen.“

Bitte keine Berufsprüfung am Küchentisch

Auch Eltern können viel dazu beitragen, dass aus dem Talentreport mehr als ein abgelegtes Dokument wird. Dafür müssen sie weder jedes Ergebnis erklären noch sofort den passenden Ausbildungsweg kennen.

Ein ruhiges Gespräch reicht für den Anfang. Zum Beispiel mit diesen Fragen:

  • Welches Ergebnis hat dich am meisten überrascht?
  • Welche Aufgabe ist dir besonders leichtgefallen?
  • Welcher Berufsvorschlag war völlig neu für dich?
  • Was davon möchtest du dir genauer ansehen?
  • Gibt es ein Ergebnis, das für dich überhaupt nicht passt?

Gerade die letzte Frage ist wichtig. Ein Test liefert eine Außenansicht. Wie sich ein Jugendlicher selbst erlebt, gehört ebenso zur Entscheidung.

Und wenn die Schule nicht nachbereitet?

Nicht jede Schule kann den Talentreport gleich intensiv im Unterricht behandeln. Eltern finden auf der Website des Talentcenters ein Erklärvideo, einen Leitfaden und weitere Unterlagen zur Nachbereitung.

Zusätzliche Unterstützung bieten die BerufsInfoZentren des AMS Steiermark. Im Rahmen der neuen „Talent Talks“ sollen Vorbereitung, Talentcheck und persönliche Beratung besser miteinander verbunden werden. Die Beratung ist kostenlos und kann bei Bedarf auch gemeinsam mit den Eltern stattfinden.

Ein Talentreport kann Jugendlichen die Entscheidung über ihre Zukunft nicht abnehmen. Aber er kann ein Gespräch anstoßen, das ohne ihn vielleicht nie geführt worden wäre.

Weitere Informationen und Unterlagen für Eltern:
Talentcenter: Informationen für Jugendliche und Eltern

Quelle: Presseinformation und Pressegespräch von WKO Steiermark, Arbeiterkammer Steiermark, AMS Steiermark, Universität Graz und Talentcenter vom 7. September 2026; Talentcenter der WKO Steiermark.

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