Noten beherrschen die Schulzeit. Sie sagen aber wenig darüber, was Schüler wirklich wissen. Die Notengebung wird von vielen Faktoren beeinflusst. Bildungsforscher Ferdinand Eder hinterfragt das Bewertungssystem kritisch.

Bildungsforscher Ferdinand Eder gibt zu bedenken, dass
die Notengebung von vielem beeinflusst wird – persönlichen Faktoren der Lehrpersonen, Tagesverfassung, sozialen Einflüssen, Klassen- und Schulniveau.
MIT „SEHR GUT“ SIND LEISTUNGEN zu beurteilen, mit denen der Schüler die Anforderungen in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß erfüllt und zusätzlich Eigenständigkeit bei der Bearbeitung der Aufgaben gezeigt hat, bei einem „Gut“ sind sie über das Wesentliche hinaus, bei einem „Befriedigend“ zur Gänze erfüllt. So steht es in der Leistungsbeurteilungsverordnung geschrieben. Allein: Mit einem „Befriedigend“ in der Mittelschule, Leistungsniveau Standard, sind so gut wie keine Berechtigungen mehr verbunden, ein „Befriedigend“ in der AHS öffnet den Zugang zu allen anschließenden Schulformen, gibt Bildungsforscher Ferdinand Eder zu bedenken.
Was kann eine Note überhaupt über die Leistung aussagen?
FERDINAND EDER: In der Praxis sind Noten nicht Beschreibungen, sondern Bewertungen von Leistungen. Das sagen ja schon Bezeichnungen wie „befriedigend“ oder „gut“. In diesen Bewertungen steckt in der Regel ein Teil Bezug zu vorgestellten Zielen, zum größeren Teil ein sozialer Vergleich: In einer Schulklasse ist ein Schüler mit „Gut“ in der Regel kompetenter in Bezug auf die angestrebten Ziele als ein Schüler mit „Befriedigend“. Noten sagen daher wenig über die tatsächliche Leistung oder das tatsächliche Können aus, aber viel über die Leistungsposition eines Kindes im Kontext seiner Klasse. Noten sind ungeeignet, Lernfortschritte sichtbar zu machen! Die angeführten Einschränkungen haben zum Beispiel zur Folge, dass aufnehmende Betriebe den Schulnoten nicht vertrauen, sondern eigene Tests durchführen, um sich ein Bild von den Kompetenzen der Bewerber zu machen.
Für die Schüler enthalten schlechte Beurteilungen praktisch keine aufbauenden Elemente – sie lernen daraus lediglich, dass sie schlechter eingestuft werden als ihre Mitschüler, und dass sie insgesamt in die Kategorie „schlechte Schüler“ fallen. Oft führt dies zu Mutlosigkeit und Resignation.
Wie sind die einzelnen Noten in der Schule überhaupt definiert?
F E: Die Noten sind im Schulunterrichtsgesetz und in der Leistungsbeurteilungsverordnung definiert und damit verfassungsgesetzlich festgelegt. „Befriedigend“ soll erhalten, wer „das Wesentliche des Unterrichts zur Gänze beherrscht“. Die Noten „Gut“ und „Sehr gut“ zielen darauf ab, dass bei der Erbringung von Leistungen Eigenständigkeit und eine „selbstständige Anwendung des Wissens und Könnens auf neuartige Aufgaben“ erfolgt.
Welche Einflussfaktoren kommen bei der Notengebung zum Tragen?
F E: Dazu gibt es regalweise Forschungsliteratur, die besagt, dass die Notengebung beziehungsweise die erreichten Noten sehr von persönlichen Faktoren der Lehrpersonen, von der Tagesverfassung, von sozialen Einflüssen, vom Niveau der umgebenden Schulklasse, vom Niveau der betreffenden Schule und so weiter abhängen. Das Hauptproblem liegt darin, dass in Österreich die Noten von jenen Lehrpersonen vergeben werden, die vorher den Unterricht erteilt haben, und damit grosso modo doch eher befangen sind.
Leider sind Schulnoten überhaupt nicht vergleichbar, wenn es um eine Aussage über Können oder Leistung geht. Sie sagen aber in der Regel relativ zuverlässig etwas über die Leistungsposition der betreffenden Schüler in ihrer Klasse. Zwischen einzelnen Klassen der gleichen Schule können extreme Unterschiede bestehen, ebenso zwischen Schulen des gleichen Typs.
Inwieweit sind Schulnoten miteinander vergleichbar?
F E: Leider überhaupt nicht, wenn es um eine Aussage über Können oder Leistung geht. Sie sagen aber in der Regel relativ zuverlässig etwas über die Leistungsposition der betreffenden Schüler in ihrer Klasse. Zwischen einzelnen Klassen der gleichen Schule können extreme Unterschiede bestehen, ebenso zwischen Schulen des gleichen Typs. Aber natürlich bestehen zwischen Klassen und Schulen oft auch ganz erhebliche Unterschiede in den erreichten Leistungen.
Haben Schulnoten das Potenzial, Orientierungshilfe und Ansporn zu sein?
F E: Hier gibt es gegenläufige Auffassungen und Erfahrungen. Manche Lehrpersonen vergeben schlechte Noten, damit die Schüler mehr lernen, andere tun es, weil die Schüler wenig können. Für die Schüler enthalten schlechte Beurteilungen praktisch keine aufbauenden Elemente – sie lernen daraus lediglich, dass sie schlechter eingestuft werden als ihre Mitschüler und dass sie insgesamt in die Kategorie „schlechte Schüler“ fallen. Oft führt dies zu Mutlosigkeit und Resignation. Ausnahmen kommen vor bei hochmotivierten Schülern, die durch ein eher einmaliges Versagen angespornt werden, mehr zu lernen. Entwicklungspsychologisch zeigt sich, dass die jungen Menschen zunehmend jene Schulfächer hassen, in denen sie schlechte Noten haben, und alles versuchen, bis hin zur Berufswahl, diesen Fächern zu entgehen.
Worin liegen für Schüler, aber auch Lehrer Herausforderungen dieser Bewertung?
F E: Der verstorbene Prof. Rupert Vierlinger, Zeit seines Lebens ein profunder Gegner der Ziffernnoten, hat es ungefähr so formuliert: „Wenn der Schüler nach der Note schielt, ist der Prozess des Lernens bereits gestört.“ Der Wunsch nach guter Bewertung oder auch die Angst vor schlechter Bewertung führt dazu, dass Lernen nicht als Auseinandersetzung mit einem Ziel oder einer Aufgabe verstanden wird, sondern als strategischer Prozess zur Erreichung einer guten Bewertung, bei dem das Verstehen oder das sachliche Können möglicherweise auf der Strecke bleibt. Einfache Strategien dazu sind bloßes Auswendiglernen, Abschreiben, Schwindeln und sonstige Formen der Täuschung bis hin zur anwaltlichen Bedrohung von Lehrpersonen seitens der Eltern, ihrem Kind die notwendige gute Note zu geben. Für die Lehrpersonen scheint mir die große Herausforderung, das Disziplinproblem – in dem Verständnis, bei den Schülern eine Hinwendung zur Sache zu erreichen – ohne explizite oder implizite Drohung mit schlechten Noten oder Nachprüfungen zu lösen.
Welche alternativen Möglichkeiten gibt es zur Beurteilung in dieser Form?
F E: Es gibt viele Formen von Rückmeldung in der Schule, in denen die unmittelbare Leistung der Kinder und Jugendlichen sichtbar wird und nicht eine gefilterte Bewertung. Dazu gehören die direkte Leistungsvorlage, Portfolios, Lernziellisten mit Vermerken, was beherrscht wird, und vieles mehr. Realistischerweise muss man festhalten, dass so viele Noten-Beurteilungen, wie sie derzeit erteilt werden, ohnehin nicht notwendig sind, weil sie außer dem Selbstzweck zu nichts dienlich sind, Beispiel Semesternoten. Als Kontrast wäre hier eine Analyse denkbar, wie viele Beurteilungen Erwachsene in ihrer beruflichen Tätigkeit laufend erhalten – von Lehrpersonen ganz zu schweigen, die nach einer Anfangsphase praktisch beurteilungsfrei durch das Berufsleben gehen.
Nutzen andere Länder andere Systeme?
F E: Die Beurteilung mit Ziffernnoten dominiert in den deutschsprachigen Systemen. Zahlreiche andere Länder haben – abgesehen von viel längeren notenfreien Zeiträumen, siehe Italien – zum Teil Systeme, die explizit die Beherrschung von Zielen wiedergeben und häufig mit Buchstaben abgekürzt werden. Ein plakatives und in meinen Augen sehr sinnvolles System ist der „Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen“, wo durch klar definierte Anforderungen das Sprachniveau auf verschiedenen Stufen definiert ist und durch darauf abgestimmte Prüfungen erfasst werden kann. Vergleichbares wäre für viele Schulfächer denkbar und würde eine für alle klare Aussage über das jeweilige Kompetenzniveau von Schülern erlauben.



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