Schlagwort: Locus of Control

  • „Das ist unfair!“ – und was, wenn genau hier das Problem beginnt?

    „Das ist unfair!“ – und was, wenn genau hier das Problem beginnt?

    Warum weniger Jammern und mehr Lösungsdenken Kindern – und uns Erwachsenen – guttun könnten. Die Einladung zu einem drei Monate langen Familien-Selbstexperiment.

    Was wäre eigentlich, wenn wir drei Monate lang bewusst anders reagieren würden?

    Nicht härter. Nicht kälter. Nicht nach dem Motto: „Stell dich nicht so an.“ Sondern einfach anders. Weniger jammern. Weniger im Problem stehen bleiben. Weniger Schuldige suchen. Und stattdessen öfter fragen:
    „Okay – und was machen wir jetzt daraus?“

    Vielleicht nicht nur bei unseren Kindern. Sondern auch bei uns selbst.

    Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir Erwachsenen uns das Jammern längst genauso angewöhnt. Über das Wetter. Über Stress. Über andere Menschen. Über die Arbeit. Über die Politik. Über Zeitmangel. Und unsere Kinder wachsen mitten in dieser Stimmung auf.

    Ich nehme mich da übrigens gar nicht aus. Auch ich jammere manchmal. Natürlich tue ich das. Aber ich merke gleichzeitig, dass ich Probleme meist nicht lange anschauen kann, ohne sofort nach einer Lösung zu suchen. Vielleicht manchmal sogar ein bisschen zu optimistisch, zu blauäugig. Aber genau diese Haltung hat mir oft geholfen, nicht im Frust stecken zu bleiben.

    Und vielleicht liegt genau darin eine wichtige Frage für Familien:
    Was passiert mit Kindern, wenn sie erleben, dass Probleme zwar ausgesprochen werden dürfen – man aber nicht dauerhaft darin wohnen bleibt?

    Kinder lernen nicht aus Vorträgen – sondern durch Beobachtung

    Wenn wir ehrlich sind, hat sich das Beschweren tief in unseren Alltag eingebrannt. Das Wetter ist schlecht. Die Schule unfair. Die Arbeit anstrengend. Die Preise zu hoch. Irgendetwas passt immer gerade nicht.

    Natürlich sollen Kinder Gefühle zeigen dürfen. Natürlich brauchen sie Verständnis, Trost und Mitgefühl. Es geht nicht darum, Probleme kleinzureden oder Kindern Härte beizubringen. Aber vielleicht passiert etwas, das viele Erwachsene gar nicht bemerken:
    Wir bleiben gemeinsam oft zu lange im Frust hängen.

    Wir bestätigen Gefühle, analysieren Situationen und regen uns manchmal sogar gemeinsam mit unseren Kindern auf. Aber wir fragen immer seltener:
    „Was könntest du jetzt tun?“

    Genau hier wird es spannend.

    Der amerikanische Psychologe Julian B. Rotter beschäftigte sich bereits in den 1960er-Jahren mit der Frage, warum manche Menschen Herausforderungen aktiver angehen als andere. Seine Theorie des „Locus of Control“ beschreibt vereinfacht gesagt zwei unterschiedliche Haltungen:
    Die einen erleben sich als handlungsfähig und glauben, selbst etwas verändern zu können. Die anderen fühlen sich Problemen und äußeren Umständen stärker ausgeliefert.

    Und genau dieses Denken entsteht oft nicht erst im Erwachsenenalter. Sondern mitten im Alltag. Bei kleinen Konflikten, bei Frust, bei schlechten Noten, bei Enttäuschungen oder auch bei scheinbar banalen Dingen wie schlechtem Wetter.

    Vielleicht helfen wir manchmal zu schnell

    Der deutsche Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas beschreibt diese Entwicklung in seinem Buch Generation lebensunfähig bewusst provokant. Seine Sorge: Kinder wachsen heute oft extrem behütet auf und lernen dadurch immer seltener, Probleme selbst zu lösen.

    Nicht weil Eltern etwas falsch machen wollen. Sondern weil sie helfen wollen.

    Wir organisieren, greifen ein, glätten Konflikte und springen oft sofort auf, wenn etwas schwierig wird. Und vielleicht nehmen wir Kindern genau dadurch eine wichtige Erfahrung:
    „Ich kann selbst etwas tun.“

    Dabei entsteht Resilienz wahrscheinlich nicht dort, wo immer alles glattläuft. Sondern dort, wo Menschen erleben:
    „Es war schwierig. Aber ich konnte etwas verändern.“

    Die Idee hinter dem Familien-Experiment

    Vielleicht wäre genau das ein spannendes Experiment. Nicht nur für Kinder, sondern für die ganze Familie.

    Drei Monate lang bewusster darauf achten, wie wir auf Probleme reagieren. Weniger jammern. Weniger Schuldige suchen. Weniger im Ärger stehen bleiben.

    Und stattdessen öfter fragen:
    Was hilft jetzt?
    Was können wir verändern?
    Wie gehen wir damit um?

    Nicht künstlich positiv. Nicht emotionslos. Sondern lösungsorientiert.

    Natürlich gibt es echte Krisen. Echte Sorgen. Echte Ungerechtigkeit. Und gerade junge Menschen kämpfen heute oft mit Dingen, die man nicht kleinreden darf: Mobbing, sozialer Druck, Ängste, Einsamkeit oder das Gefühl, ständig mithalten zu müssen. Unsere Jugend hat es in vielen Bereichen alles andere als leicht.

    Es geht deshalb nicht darum, Probleme wegzulächeln oder Kindern einzureden, jedes Problem sei einfach lösbar. Manche Situationen brauchen Hilfe, Unterstützung und Erwachsene, die genau hinschauen und handeln.

    Aber vielleicht wäre es trotzdem hilfreich, wenn Familien beginnen würden, anders auf viele Alltagsschwierigkeiten zu reagieren. Nicht jedes Problem verschwindet dadurch. Aber vielleicht verändert sich das Gefühl, ihm hilflos ausgeliefert zu sein.

    Drei Monate lang bewusster reagieren: weniger jammern, mehr Lösungen suchen – und gemeinsam herausfinden, was das mit Familien macht.

    Denn vielleicht macht es einen Unterschied, ob Kinder erleben:
    „Alles ist schrecklich und man kann nichts tun.“
    Oder:
    „Ja, das ist schwierig. Aber wir überlegen gemeinsam, wie wir damit umgehen.“


    INFO-BOX: Was bedeutet „Locus of Control“?

    Der Begriff stammt vom amerikanischen Psychologen Julian B. Rotter.

    Er beschreibt damit die Frage, ob Menschen eher glauben,

    • ihr Leben selbst beeinflussen zu können
      oder
    • äußeren Umständen ausgeliefert zu sein.

    Psychologen sehen darin bis heute einen wichtigen Faktor für Motivation, Resilienz und den Umgang mit Krisen.


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