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  • Erst Anpacken, dann Anführen

    Erst Anpacken, dann Anführen

    Fast jeder dritte Selbstständige und rund jede fünfte Führungskraft in Österreich hatten 2024 einen Lehrabschluss als höchste abgeschlossene Ausbildung. Was praktische Erfahrung für spätere Führungsverantwortung bedeutet, war auch beim ILS Main Event in Graz Thema.

    Ein Blick auf Praxisnähe, persönliche Entwicklung und neue Möglichkeiten des Lernens.

    Wenn Wirtschaftskapitäne und Industrievertreter auf Kongressen – wie kürzlich beim ILS Main Event 2026 in Graz – über die Zukunft der Arbeit diskutieren, fällt auffallend oft ein Begriff: Praxisnähe. Es ist die Beobachtung, dass rein theoretisches Wissen in einer komplexen, von Veränderung geprägten Arbeitswelt an Grenzen stößt. Wer hingegen früh gelernt hat, wie Systeme im Detail funktionieren, blickt mit ganz anderen Augen auf Machbarkeit und Lösungen.

    Ein Beispiel dafür ist Christian Ettl. Sein beruflicher Weg begann nicht in einem Hörsaal, sondern mit einer Lehre in der Werkstatt. Heute steuert er große internationale Unternehmensbereiche bei Siemens Gamesa. Sein Werdegang steht stellvertretend für eine Erkenntnis, die in der öffentlichen Debatte um Ausbildungsgänge oft zu kurz kommt: Die Lehre ist kein B-Plan, sondern ein Fundament für Führungspersönlichkeiten.

    (Das ausführliche Gespräch mit Christian Ettl lesen Sie in ZUKUNFT MEISTERN 2026, Seiten 36–37. Hier gelangen Sie zur Übersicht der Digitalausgaben.)

    Die Sprache der Praxis sprechen

    Der Wert einer dualen Ausbildung liegt nicht nur im technischen Fachwissen. Sie bietet auch Einblicke in betriebliche Abläufe und die Zusammenarbeit zwischen Menschen. Was diese Erfahrung später für die Führung bedeuten kann, beschreibt Christian Ettl im Gespräch mit ZUKUNFT MEISTERN: Er versteht die Sprache der Fertigung ebenso wie jene des Topmanagements. „Das ist ein Riesenvorteil“, sagt er.

    Die frühe Nähe zu Produkten, Ergebnissen und Abläufen blieb für Ettl auch mit wachsender Verantwortung wichtig. Entscheidungen aus Sicht jener mitdenken zu können, die sie im Arbeitsalltag umsetzen, verbindet praktische Erfahrung mit Führungsverantwortung.Stimmen aus der Praxis: „Der Blick für Machbarkeit“

    Dass dieser Weg kein Einzelfall ist, unterstrichen kürzlich auch internationale Industrie-Experten auf dem ILS Main Event 2026 der Independent Logistic Society in der Helmut List Halle in Graz. Walter Bostelmann, CEO von Kellner & Kunz, plädierte im Rahmen der Tagung eindringlich für einen Perspektivenwechsel bei Eltern und Betrieben:

    „Wer im Zuge einer Lehrausbildung an der Werkbank gelernt hat, wie Systeme in der Praxis funktionieren, führt ein Unternehmen mit einem ganz anderen Blick für Machbarkeit. Wir müssen der beruflichen Bildung endlich wieder den Stellenwert geben, den sie verdient.“

    Wie weit dieser Weg führen kann, bewies auf derselben Bühne Paul Zadravec (Speditionskaufmann & Logistiker bei Kühne + Nagel). Er reiste mit der Österreich-Fahne direkt von den internationalen Berufsweltmeisterschaften (WorldSkills) aus Shanghai an. Sein Auftritt verdeutlichte, wie entscheidend Vorbilder für Jugendliche sind – und welche Spitzenleistungen auf internationalem Parkett möglich sind, wenn eine handfeste Ausbildung das Fundament bildet.

    Wie digitale Werkzeuge die Ausbildung ergänzen können, zeigte eine Live-Demonstration von Viktoria Zinner (Golden Mind): Beim „KIM-Training“ wird künstliche Intelligenz eingesetzt, um Gesprächsführung und Kommunikation zu üben.

    Im Programm „Lehrlings Fresh-up“ verbindet der Anbieter das KI-gestützte Gesprächstraining mit einem Präsenzworkshop sowie Feedback und Reflexion. Ziel ist es, mehr Sicherheit in herausfordernden Gesprächssituationen zu gewinnen. Die Technik dient damit dem Training menschlicher Fähigkeiten – sich verständlich auszudrücken und das eigene Gesprächsverhalten zu reflektieren.

    Selbstwirksamkeit statt Beifahrer-Mentalität

    In Zeiten, in denen der Druck bei der Berufswahl und die Sorge vor falschen Weichenstellungen viele Familien verunsichern, setzt die Lehre an einem entscheidenden Punkt an: der Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Wer an einer Maschine steht, ein Problem analysiert und es eigenhändig löst, erlebt unmittelbar den Wert des eigenen Tuns.

    Das prägt für das gesamte spätere Berufsleben. Wer früh gelernt hat, mit Druck, Rückschlägen und unvorhergesehenen Hindernissen umzugehen, entwickelt jene Resilienz, die in höheren Managementebenen vorausgesetzt wird. Es geht nicht darum, Fehler zu vermeiden, sondern die Gelassenheit zu entwickeln, sie zu korrigieren.

    Für Eltern bedeutet das einen wichtigen Impuls bei der Berufswahl: Eine Ausbildung, die Raum für echten Praxiseinsatz gibt, nimmt Jugendlichen nicht die Chancen auf eine spätere Karriere – sie legt den Grundstein dafür, dass sie im Berufsleben nicht nur mitfahren, sondern aktiv mitgestalten.

    Zahlen & Fakten: Karriere mit Lehre

    Dass praktische Ausbildung auch in die Selbstständigkeit und in Führungspositionen führen kann, zeigen österreichweite Daten:

    • Fast jeder dritte Selbstständige in Österreich – 30 Prozent – hatte 2024 einen Lehrabschluss als höchste abgeschlossene Ausbildung.
    • Rund jede fünfte Führungskraft – 20,2 Prozent – hatte ebenfalls einen Lehrabschluss als höchsten Bildungsabschluss.

    Erfasst wird jeweils der höchste Abschluss. Wer nach einer Lehre beispielsweise noch ein Studium abgeschlossen hat, wird dem höheren Bildungsabschluss zugerechnet.

    Die Zahlen verdeutlichen: Eine Lehre eröffnet auch Wege in unternehmerische und leitende Verantwortung.

    Quelle: Helmut Dornmayr, „Lehrlingsausbildung im Überblick 2025“, ibw-Forschungsbericht Nr. 225, Seiten 168 und 170; Datengrundlage: Statistik Austria, Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2024. Die Berufsgruppe „Führungskräfte“ umfasst neben der Privatwirtschaft auch leitende Verwaltungsbedienstete und Angehörige gesetzgebender Körperschaften. Zum Forschungsbericht

    Vom Lehrling zum internationalen Topmanager

    Die Sprache der Fertigung und jene des Topmanagements verstehen: Christian Ettl beschreibt im Gespräch mit ZUKUNFT MEISTERN, welchen Vorteil ihm seine praktische Ausbildung bis heute bringt. Wie sein Weg von der Lehrwerkstätte in Weiz an die Spitze internationaler Werke führte und wer ihn dabei bestärkte, lesen Sie im vollständigen Porträt in ZUKUNFT MEISTERN 2026, Seiten 36–37.

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    Beitragsbild: KI-generiertes Symbolbild.